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Simone de Beauvoir über ihre Schwester, die
Malerin Hélène de Beauvoir
Die
Geschichte von Hélènes Malerei Meine Schwester war noch ganz
jung, als sie zu zeichnen begann. Damals träumte sie davon Bücher zu
illustrieren, aber dass ihr eines Tages die Malerei zugänglich sein würde,
wagte sie sich nicht vorzustellen. Als den Schülern ihrer Zeichenschule im
letzten Ausbildungsjahr die Ölmalerei nahegebracht wurde, löste das in ihr große
Freude aus und sie widmete sich von nun an hingebungsvoll dieser Aufgabe [...]
1940 wollte Hélène in Portugal einen Monat Urlaub machen – sie wurde vom Krieg
überrascht und musste fünf Jahre bleiben. […] Großen Eindruck hinterließ
die Arbeit der Frauen in den Salinen. Reflexe des Salzes, des Wassers und der
Kristalle faszinierten sie dermaßen, dass sie einen immer wichtigeren Platz in
ihrem Werk einnehmen sollten. Die figürliche Darstellung allerdings blieb immer
noch gegenständlich und der traditionellen Perspektive verpflichtet. Zurück in
Frankreich bestimmte hier die abstrakte Malerei alles. Hélène bewunderte
gewisse Bilder , aber sie wagte noch nicht, ihren eigenen Weg zu gehen Erst ein
Aufenthalt in Marokko 1949 ließ sie kühner werden. Unter einem solchen Licht,
wie dort konnte die klassische figurative Malerei nur zu knallig buntem Kitsch
verkommen. Und um dem zu entgehen, ging meine Schwester jetzt mit den Farben
freier um und erfand eine neue Linienführung. Als Sartre und ich sie in
Casablanca besuchten, waren wir verblüfft. [...] |
Hélène de Beauvoir |
Hélène de Beauvoir: Venedig Variation |
Die Bilder fanden viel
Beifall, trotz dieses Erfolges wollte Hélène so nicht weiterarbeiten, weil sie
fürchtete, im Manierismus zu versanden. Damals fiel ihr das Buch von Liliane
Guerry Brion „L´Espace chez Cézanne („Der Raum bei Cézanne“) in die Hände.
Es wurde eine Offenbarung, denn ihr kam zum Bewußtsein, wie wenig sie bisher über
die Probleme des Raumes nachgedacht hatte. Meine Schwester ging jetzt bei Cézanne
in die Schule, nahm eine systematische Fragmentierung der Formen vor und widmete
sich der Erkundung des Lichts. Das führte sie, ausgehend von den Kraftlinien
ihrer figurativen Zeichnung, zur ungegenständlichen Konstruktion. Auf diese
Weise entstanden auf den Gemälden, gewissermaßen kontrapunktisch, figurative
und abstrakte Bilder nebeneinander. Die Motive waren in etwa immer ungefähr die
gleichen: Venedig, Bäuerinnen bei der Arbeit, Skiläufer – Themen, die ihr
ermöglichten, die Beziehungen zwischen Personen und Landschaften herzustellen,
um sie sowohl im gleichen Raum und Licht wie in der gleichen Bewegung zu
vereinigen. Die Bilder hatten ein kristallines Aussehen angenommen und der
Aufbau war im allgemeinen festgefügt. Hélène hat sie bei Millione in Mailand
ausgestellt und in der Pariser Galerie Synthese. Publikum und Kritikern gefielen
sie, aber die Gemälde entsprachen nicht der Zeitströmung, der informellen
Malerei. Dazu passt eine Gegebenheit aus dem Jahre 1958, als sie zu einer
Gruppenausstellung in Mailand eingeladen worden war. Vor der Hängung wurde ihr
gesagt, dass die Abstrakten im Erdgeschoss präsentiert würden und die
Figurativen in der ersten Etage, worauf sie meinte, dann solle man ihre Bilder
im Treppenhaus hängen. Und so geschah es. |
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Zu
dieser Zeit wurde meiner Schwester deutlich, dass ihre Malerei sozusagen
auszutrocknen begann. Jeder Künstler erzeugt einen eigenen Akademismus, wenn er
sich einem System ausliefert. Genau das drohte ihr zu widerfahren. Diesmal half
ihr Venedig, und es entstand eine Serie von Bildern, die auf Personen und
Anschaulichkeit verzichten. Übrig blieben Arabesken, Farben und Reflexe. Dann
wollte sie weitergehen und noch lebhaftere Formen verwenden. Das bereitete ihr
große Schwierigkeiten und führte zunächst in ihren Bildern zu einem Kampf,
mit dem Ergebnis, dass sie alle verbrannt hat. Aus dieser Phase blieben nur die
Radierungen erhalten. Hélène hat zu allen Zeiten zwischen Griffel und Pinsel
gewechselt und jetzt half das Schwarz- Weiß, ihre Probleme zu lösen. Die
Bilder wurden nun leichter, und das verdanken sie einer Aufteilung des Raumes,
die einen Wechsel zwischen Leere und Fülle ermöglichte sowie der Integration
von abstrakten Elementen. Auf den Gemälden, die 1967 in Den Haag gezeigt
wurden, ist die figurative Darstellung fast ganz verschwunden. Aus dieser Epoche
stammt der Katalog mit dem Vorwort von Sartre. Meine Schwester fand auch wieder
zu den Kristallen der Jahre 1954 und 1960 zurück, die sie in einigen Partien
ihrer vom Mai 1968 angeregten Bilder aufnahm wie in der Serie „Le joli mois de
mai“, auf einunddemselben Bild konnte jetzt ihr Pinsel mit mehreren Flächenabschnitten
spielen, indem er zuweilen die figurative Darstellung reduzierte, zuweilen
betonte. |
Hélène de Beauvoir: Aquarell, Portugal
Von
1970 bis 1975 wurde Hélène von dem angeregt, was sie vom berühmten Goldenen
Dreieck Asiens gehört hatte: Elefanten, Tiger, Pfaue lösten wunderbare
Inspirationen aus. Anlass zu ihrem ersten feministischen Gemälde „Un homme
livre une femme aux bétes“ („Ein Mann liefert eine Frau den wilden Tieren
aus“) war der Tod von Gabrielle Russier. Nun fühlte sie, dass ihr die Mittel
zur Verfügung standen, auszudrücken, was sie wollte. Ein Bild ist für Hélène
eben nicht nur ein Akkord harmonischer Farben, der zum Komfort des Mobiliars
beiträgt. Es stellt vielmehr so etwas wie ein Fenster dar, das den Blick ins
Imaginäre öffnet. Dabei möchte sie den Kenner ebenso ansprechen wie den bloßen
Liebhaber. Immer mehr erschüttert sie die Zerstörung der Natur und das Leid
der Frauen, in ihrem Werk bringt sie ihren Zorn zum Ausdruck, sei es über
Seveso oder Fessenheim oder die allgegenwärtigen Hüter einer falschen Moral.
Gleichwohl malt sie fröhliche Bilder, und selbst in den dunkelsten gibt es
immer noch einen kleinen Lichtblick: Einen Flecken blauer Himmel oder eine Blume
als Zeichen der Hoffnung. Meine
Schwester sagte mir, dass sie am meisten über das Ölgemälde nachdenke, das
Aquarell ermögliche ihr Spontaneität, ja sogar die Radierung trotz ihrer
rigorosen Technik. Seit 1970 arbeitet sie auf großen Holzflächen mit
Acrylfarben, die sie zu ihrem früheren leichten Malstil und zur Frische des
Aquarells zurückzukehren lassen. Dabei kombiniert sie spielerisch Acryl und
farbiges Plexiglas, um in ihm Gravuren einzuritzen. Statt mit dem Griffel für
den Kupferstich benutzt ihre Hand nun die Fräse, was sehr schnell geht. „Ich
halte den Atem dabei an“, sagt sie. Jede neue Technik zwingt dazu, der Routine
zu entgehen und andere Lösungen zu suchen. Wenn man nicht auf einer Stufe
stehen bleiben will, muss man fortschreiten, unaufhaltsam. Die Entwicklung von Hélène
hat sich immer spiralförmig vollzogen. Sie ließ gewisse Ansätze hinter sich,
beschritt neue Wege und kehrte wieder zu den Anfängen zurück, um sie dann
verwandelt auf eine andere Ebene zu heben. Selten hat es Rückschritte gegeben,
viel häufiger eine Fortentwicklung. Gegenwärtig arbeitet meine Schwester Hélène
de Beauvoir an der großen Synthese. Ich bin sicher, dass es ihr gelingt. 9.
Mai 1979 (Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hammer)
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