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Jean-Paul Sartre über die Malerei von Helene de Beauvoir - anlässlich einer Ausstellung ihrer Werke in Brest in den 70-er Jahren

Das Werk, das Helene de Beauvoir heute ausstellt, ist die Frucht einer langen suche und Entwicklung. Die Malerin hat schon früh erkannt, dass man die Wirklichkeit verfehlt, wenn man Trugbilder herstellt. Gleichwohl liebt sie die Natur viel zu sehr – die Wälder, Gärten, Lagunen, Pflanzen, Tiere, den menschlichen Körper -, als dass sie darauf verzichtete, sich von ihnen inspirieren zu lassen. Sie hat ihren Weg gefunden zwischen den vergeblichen Zwängen der Nachahmung und der Dürre der reinen Abstraktion. Sie verabscheut das Trompe-l'oeil, die perspektivische Täuschung und ist absichtlich zur Naivität der sogenannten Primitiven zurückgekehrt, die ihre Welten auf plane Flächen übertragen. Aber in diesem imaginären und von den Gesetzen der Perspektive befreiten Raum wird allein durch die Skizze einer Blume, eines Pferdes, eines Vogels, einer Form die Wirklichkeit evoziert. Aber kaum angedeutet, entzieht sie sich schon wieder dem Betrachter; sie beherrscht die ganze Leinwand, aber sie löst ich dort auf. Ihre Existenz wird entschleiert, aber sogleich wieder geleugnet dank vielfältiger Entsprechungen zwischen den Forman, die einer Anschauung entspringen und denen, die das reine Spiel des Pinsels hervorbringt.

Hélène de Beauvoir, Öl auf Leinwand, 1957

 

Hélène de Beauvoir: weiblicher Doppelakt, liegend, Radierung, 1967

In „Alice im Wunderland“ gibt es eine Katze, die sich ausföst, aber dem erstaunten Betrachter sein Lächeln hinterlässt; so gehen aus den Gemälden Hélène de Beauvoir´s Freude oder Angst in Bildern, deren Konturen gar nicht gezogen sind, mit greifbarer Evidenz hervor.

Nichts ist willkürlich in diesen Kompositionen, in denen sich Form und Inhalt, Erfindung und Erinnerung gegenseitig durchdringen und bestimmen. Jedoch wird diese Strenge von einer heiteren Üppigkeit durchdrungen. Jenseits ihrer selbstgeschaffenen Konventionen gibt sich die Künstlerin ohne Zwang der Lust am Malen hin: Deshalb vermag ihr Werk zu überzeugen und zu bezaubern. Aber man muss erst hinter die scheinbare Leichtigkeit schauen. Denn geradeso wie in einem Gedicht die Worte nur dazu da sind, das Verschweigen zu umschließen und dem Leser zu überantworten, was sie nicht sagen, so sind bei Hélène de Beauvoir die Farben und Formen nur die Kehrseite der Abwesenheit einer Welt, die die Malerin ins Leben ruft, indem sie sie nicht darstellt.

Quelle: Ausstellungskatalog Brest 1975

Übersetzung: Prof. Dr. Eckhart Koch